Ignorierst du noch oder fühlst du schon?

Vimeo

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Vimeo.
Mehr erfahren

Video laden

Was bedeutet es eigentlich, gefühlsbereit zu sein? Und wie stärkt uns das im Alltag? Der Psychologe Lukas Klaschinski hat darüber ein spannendes Buch geschrieben – und mir zu dem Thema ein paar Fragen beantwortet.

Stefanie Stahl: Viele unserer Leser*innen werden sich daran erinnern, dass „Positive Thinking“ lange als das Allheilmittel galt, um zufrieden durchs Leben zu gehen. Warum nimmst du so deutlich Abstand davon, den Fokus auf das Schöne und Leichte im Leben zu legen und die Ärgernisse auszublenden?

Lukas Klaschinski: Es ist nicht grundsätzlich falsch, den Fokus auf Positives zu legen. Positives Denken kann durchaus einen positiven Einfluss auf unser Wohlbefinden haben. Allerdings wird es problematisch, wenn man unangenehme Gefühle komplett ausblendet. Auch sie sind wichtige Signale unseres Körpers und unserer Psyche. Sie verraten uns etwas über uns selbst und unsere Bedürfnisse. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen positivem Denken und der Auseinandersetzung mit unangenehmen Gefühlen ist entscheidend.

Stefanie Stahl: Dein Buch hat auch einen persönlichen Hintergrund. Wie bist du darauf gekommen, dass dir in deinem Alltag etwas fehlt, wenn du unangenehme Gefühle unterdrückst?

Lukas Klaschinski: Ich war sehr lange darum bemüht, nur die positiven Emotionen zu fühlen. Aber irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich mich in Situationen, in denen ich meine unangenehmen Gefühle unterdrückte, fremdgesteuert fühlte. Ich handelte dann nicht im Einklang mit meinen Werten. Das hat mir und meinen Beziehungen geschadet.
So eine Unterdrückung unangenehmer Gefühle kann langfristig zu verschiedenen Problemen führen, sowohl auf emotionaler als auch auf körperlicher Ebene. Sie kann verhindern, dass wir bewusste Entscheidungen treffen und authentisch handeln. Sie kann zu Stress, Angststörungen und körperlichen Beschwerden führen, weil uns dann ein tieferes Verständnis für uns selbst fehlt. Erst als ich bereit war, mich meinen Ängsten, meiner Wut und meiner Traurigkeit zu stellen, konnte ich mich weiterentwickeln und eine tiefere Verbindung zu mir selbst und anderen Menschen aufbauen.

Stefanie Stahl: Du beschreibst in deinem Buch „Fühl dich ganz“, dass man an seiner Gefühlsbereitschaft arbeiten kann.

Lukas Klaschinski: Ein bewusster und sinnvoller Umgang mit unseren Gefühlen ist in jedem Alter und in jeder Lebensphase erlernbar! Jeder Mensch kann lernen, seine Gefühle wahrzunehmen und zu akzeptieren, unabhängig davon, ob er eher emotional oder rational veranlagt ist. Durch Selbstreflexion, Achtsamkeit und gezieltes Training können wir lernen, unsere Gefühle besser zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren.

Stefanie Stahl: Manche Menschen wollen unangenehme Gefühle vielleicht auch deshalb nicht spüren, weil sie sich ihnen ausgeliefert fühlen. Kann man Einfluss auf die Gefühle an sich und ihre Intensität nehmen?

Lukas Klaschinski: Indem wir uns unangenehmen Gefühlen bewusst zuwenden, können wir auch lernen, sie besser zu regulieren und angemessen damit umzugehen. Ein erster Schritt besteht also darin, sich selbst zu erlauben, die unangenehmen Gefühle wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten oder zu verurteilen. Es gibt verschiedene Techniken und Übungen, die uns dabei unterstützen können, unsere Gefühle bewusst wahrzunehmen und ihre Intensität zu regulieren.

Stefanie Stahl: Hast du einen Tipp, was dabei helfen könnte?

Lukas Klaschinski: Ich arbeite oft mit der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) und erkläre diesen Ansatz auch in meinem Buch. ACT zielt darauf ab, die Akzeptanz unangenehmer Gefühle zu fördern, während man gleichzeitig eine Verpflichtung für positive Veränderungen eingeht. Das bedeutet, dass man lernen sollte, die Realität anzunehmen, sich von störenden Gedanken zu distanzieren und seine Handlungen in Einklang mit den eigenen Werten zu bringen. Ziel ist aber nicht, unsere Gefühle vollständig zu kontrollieren oder sie zu verändern. Vielmehr geht es darum, eine bewusste und liebevolle Beziehung zu unseren Gefühlen aufzubauen und ihnen Raum zu geben, um sich zu entfalten.

Weitersagen:

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren:

Seminare