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Bindungsängstliche Menschen stecken die Grenzen einer Beziehung ab. Sie legen fest, was „richtig“ und „falsch“ in einer Partnerschaft ist. Sie bestimmen über Nähe und Distanz – oder vielmehr bestimmen ihre unbewussten Ängste über den Verlauf der Bindung. Aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen benötigen sie nämlich sehr viel Kontrolle. Daran scheitern auch hoffnungsvolle Liebesgeschichten.

Betroffene wissen oftmals gar nicht, dass ihre Beziehungsprobleme auf ihre eigenes schwieriges Bindungsverhalten zurückzuführen sind. Sie nehmen oftmals ein diffuses Unwohlsein oder einen Freiheitsdrang wahr, ein „Irgendetwas“, das sie die Beziehung als unangenehm empfinden lässt. Sie reagieren mit verschiedenen Strategien, um diese Angst zu kompensieren.

Ihre Bindungsangst versteckt sich quasi hinter bestimmten Verhaltensmustern. Ein typischer Bindungsvermeider ist der Typ des „Maurer“ bzw. der „Maurerin“. Diese Charaktere führen vielleicht Beziehungen, gestalten sie aber mit einem notorischen „Jein“. Sie sind die Alleinherrscher über Nähe und Distanz. Sie stellen in der Beziehung immer wieder Distanz her, legen sich nicht fest, planen die Zeit ausschließlich nach ihrem eigenen Gutdünken. Ihre Distanzierungsstrategien: Übermäßig viel Arbeit, leidenschaftlich gepflegte Hobbys, eine diffuse Zeitplanung. Nähe gibt es nur dann, wenn sie es wollen. Ihre Partner fühlen sich oft alleingelassen und einsam. Sie spüren ein Gefühl von Ohnmacht, weil sie keinerlei Einfluss nehmen können auf das Miteinander.

Erste Hilfe für Partner:

Es klingt vielleicht befremdlich, wenn Nähe ohnehin ein Problem darstellt: Aber gerade Partner von Bindungsängstlichen müssen lernen, sich unabhängiger von ihrem Partner zu machen. Häufig sitzen die Partner einem Irrtum auf, den man nur aus der Ferne erkennt. Sie empfinden die Größe ihrer Verlustangst als Indiz für die Größe ihrer Liebe. Weil die Beziehung so dramatisch ist und nie zur Ruhe kommt, kommen sie zu dem Schluss, dass diese Beziehung etwas ganz Besonderes wäre. Nur wer innerlich einen Schritt zurücktritt, sich auf sich selbst und seine Gefühle konzentriert, wird die Mechanismen und Trugbilder durchschauen. Die Verlustangst setzt ein ungeheures Kontrollbedürfnis frei, das zu großer Dopamin-Ausschüttung führt. Es entsteht eine regelrechte Gier nach dem Partner, die jedoch nicht als „große Liebe“ fehlgedeutet werden sollte, sondern lediglich ein Indiz dafür darstellt, dass die Beziehung vollkommen aus der Balance geraten ist.

Eine wichtige Anregung lautet: Schaff ein Gegengewicht in deinem Leben. In einer bindungsgestörten Beziehung werden oft alle anderen Interessen neben dem Partner vernachlässigt, weil man nicht genug Energie hat. Es ist sehr wichtig, sich wieder eigene Lebensbereiche zu erobern und eigene Kontakte zu pflegen. Je unabhängiger du wirst, desto mehr Attraktivität gewinnst du für deine:n Partner:in.

Eine zweite Anregung: Tritt für deine Rechte ein. Viele Partner haben Angst, das brüchige Beziehungsband durch Konflikte zu belasten. Das Gelingen der Partnerschaft hängt aber gar nicht von der eigenen Anpassungsbereitschaft ab. Die Beziehung zu einem Bindungsängstlichen scheitert in den meisten Fällen sowieso. Deshalb ist es wichtig, dass man sich eigene Standards und Maßstäbe setzt, um sich im Kampf um die Zuwendung der/s bindungsängstlichen Partners:in sich nicht völlig selbst zu verlieren.

Eine dritte Anregung: Lass dich nicht in die Probleme des Partners verstricken. Ein Symptom bindungsgestörter Beziehungen ist die übermäßige Beschäftigung mit dem Problem des Bindungsängstlichen. Dadurch besteht aber die Gefahr, sich auf die Kompliziertheit des Partners zu konzentrieren und die eigene klare Linie zu verlieren.

Weitere Anregungen und Hilfestelllungen findest du in meinem Buch „Jein. Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner“.