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Das „Innere Kind“ und die Weihnachtszeit

Wie können wir emotionalen Stress bei Familientreffen so weit wie möglich vermeiden?


Alle Jahre wieder ist es so weit: In der Adventszeit und während der Feiertage fallen längst erwachsene Menschen in ihre Kindheitsrollen zurück. Frühere Kränkungen und Konflikte kommen wieder hoch. „Mama fand ja schon immer, dass ich mehr aus mir machen könnte. Papa hat noch nie ernst genommen, was ich beruflich mache. Warum hören eigentlich alle nur meiner Schwester zu? Ist die so viel toller? Ändern die sich denn nie?“ Nein, tun sie vermutlich nicht, kann ich da nur sagen! Aber wir können an unserer eigenen Wahrnehmung innerhalb dieses Familiengebildes arbeiten: Die hat nämlich wenig mit der Realität zu tun, sondern ist eine sehr subjektive, emotionale Angelegenheit.

Es gibt keine perfekten Eltern und keine perfekte Erziehung. Schließlich bringen alle Eltern selbst bereits die eine oder andere Prägung mit und geben sie – egal, wie gut sie es meinen! – unbewusst an ihre Kinder weiter. Daraus entstehen Glaubenssätze wie „Ich genüge nicht!“ oder „Ich darf keine Schwäche zeigen!“, die unseren Selbstwert formen.

So eine kindliche Prägung sitzt tief. Aber unser Gehirn kann zu jeder Zeit lernen. Wir können unsere Überzeugungen ändern, indem wir das Erlernte mit einem alternativen Programm überschreiben. Dazu muss man sich zunächst klarmachen, dass negative Glaubenssätze nichts über uns selbst aussagen. Sie spiegeln nur die Haltung unserer Eltern wider. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von Introjektion: Man hat eine fremde Anschauung verinnerlicht.


Punkt 1: Eigene Werte und Glaubenssätze etablieren

Diese Introjektion können wir von uns weisen. Bildlich gesehen können wir sie unseren Eltern zurückgeben, indem wir uns bewusst machen, welche Werte und Glaubenssätze wir selbst für sinnvoll halten. Was gehört denn meiner Ansicht nach zu meiner Persönlichkeit? Was passt denn zu meiner Realität? Diese Erkenntnis findet zunächst im Kopf statt. Um sie auch gefühlt zu verinnerlichen, müssen wir die gedankliche Umkehrhaltung einüben. „Ich muss mich nicht ständig überarbeiten, um wertvoll zu sein. Meinen Freunden, Kindern oder auch meiner Chefin genüge ich.“ Je öfter man seine neuen inneren Überzeugungen wiederholt, desto vertrauter werden sie einem.


Punkt 2: Schwierige Szenen vorab überdenken und durchspielen

Hilfreich ist auch, sich vor schwierigen Situationen zu wappnen. Wenn also beispielsweise ein Familientreffen ansteht und wir bereits die Erfahrung gemacht haben, dass es immer wieder zu den gleichen Konflikten kommt, hilft es, sich die entsprechenden Szenen vorher auszumalen.

In unserer Vorstellung ziehen wir eine Glasscheibe zwischen uns und unserem Gegenüber. Die Bemerkungen der anderen gehören dann auch optisch zu deren Wahrnehmung, sie dringen nicht zu uns durch. Wir haben wohlmöglich eine andere Sicht und müssen uns nicht damit identifizieren. Es hilft diese Szenen vorab einige Male aus dieser Perspektive zu betrachten. Dadurch vermeiden wir, dass im entsprechenden Moment unkontrollierte Kränkungs- und Wut-Gefühle entstehen.


Punkt 3: Konfliktherde thematisieren

Bleibt die Frage, ob man mit seiner Familie über die schwierigen Prägungen reden sollte. Meiner Erfahrung nach funktioniert so ein klärendes Gespräch nur, wenn es bei den Eltern ein großes Maß an Offenheit und Reflexionswillen gibt – und wenn es einem selbst eher um Ursachenforschung als um Schuldzuweisungen geht. Dann allerdings kann so eine Aussprache für das Innere Kind heilsam sein.