Die meisten von uns haben das Potential, mit einer Partnerin oder einem Partner glücklich zu werden. Dazu müssen wir nur zwei innere Grundbedürfnisse in Balance bringen: den Wunsch nach Bindung und den Willen zur Autonomie. Eigentlich kein so großes Problem, gäbe es da nicht dieses Störprogramm…
Der wünschenswerte Zustand ist, dass sich zwei Menschen auf Augenhöhe begegnen und sich gleichwertig fühlen. Dann können sie sowohl ihr Sehnen nach Bindung und Verbundenheit als auch ihr Bedürfnis nach Selbstständigkeit und Autonomie unter einen Hut bekommen. Dass uns dieser Balanceakt häufig nicht so gut gelingt, liegt an unseren kindlichen Prägungen.
Diese Prägungen sind unser Störprogramm, unser sogenanntes Schattenkind, das verhindert, dass wir so glücklich in einer Beziehung leben, wie wir es uns wünschen. Wenn wir eine Prägung verinnerlicht haben, die uns glauben lässt, wir seien minderwertig, entwickeln wir Schutzstrategien, die unseren Selbstwert schützen. Entweder im Dienste der Bindung, indem wir etwa aus Verlustangst in einer Beziehung vermehrt Kontrolle ausüben, oder im Dienste der Autonomie, indem wir aus dem gleichen Grund Beziehungen gar nicht erst zulassen.
Das Kind in uns erlebt sich dabei immer als hilfloses Opfer, indem es die Bedrohung einzig und allein von außen auf sich zukommen sieht. Im Alltagsleben vermischen sich dann oft unsere Wahrnehmungen aus dem Blickwinkel des Schattenkindes und des Verstandes. Allein dadurch, dass wir unser Störprogramm erkennen, können wir einen Abstand zu ihm einnehmen und unsere Gefühle besser regulieren. Erst dann beginnen wir zu begreifen, dass nicht unbedingt immer der andere schuld sein muss, wenn die Beziehung schwierig wird oder gar nicht erst beginnt.
Einfach mal die Perspektive wechseln
Wann immer uns im Beziehungsleben unsere negativen Gefühle überfluten und wir keinen reflektierenden Erwachsenenstandpunkt einnehmen können, sollten wir uns eine Frage stellen: Warum tobt jetzt gerade unser Schattenkind wieder herum? Und dann sollten wir uns die Zeit nehmen, tief in uns hineinzuspüren und wahrnehmen, was genau wir empfinden. Denn je besser der Draht zu unseren eigenen Gefühlen ist, desto weniger rätselhaft werden uns die Gefühle und Verhaltensweisen anderer erscheinen.
Zudem ist es entscheidend, einfach mal die Perspektive zu wechseln. Denn wir nehmen in der Beziehung unsere Schattenkind-Gefühle zu ernst und schenken ihnen Glauben, zumal die Versagens- und Verlustängste naturgemäß wesentlich stärker sind als die Einwände unseres Verstandes. Ein Dilemma, das sich auflösen lässt, wenn es uns öfter gelingt, die Beobachterrolle einzunehmen. Nur aus der außenstehenden Beobachterperspektive können wir uns nämlich mit unserem Erwachsenen-Ich identifizieren, das sich nach Bindung und Nähe sehnt.
Und nur aus dieser Perspektive können wir erkennen, wann unser Schattenkind die Führung übernimmt und in Sachen Partnerschaft um Autonomie kämpft, weil unsere kindlichen Ängste zu groß sind, um dem oder der anderen vertrauen zu können. Vertrauensprobleme haben häufig ihren Ursprung in der Vergangenheit. Um sie nicht zu Unrecht auf das Hier und Jetzt zu übertragen, ist es für eine harmonische Beziehung wichtig, die vergangenen Erfahrungen von den gegenwärtigen zu trennen.
Dem Schattenkind Beachtung schenken
Folgende Fragen sollte man sich deshalb im Konflikt stellen: Was erwarte ich von dem anderen? Rechne ich mit etwas Negativem? Ist diese Erwartung fair, oder übertrage ich vergangene Erfahrungen auf die aktuelle Situation? Nur wenn wir unsere negativen Glaubenssätze erkennen, verstehen und verändern, finden wir die Antworten auf diese Fragen. Ein Faktencheck klärt den Blick:
1. Erkennen
Je bewusster wir uns des Schattenkindes und seiner Prägungen werden, desto besser stehen die Chancen für den inneren Erwachsenen, das Kind zu regulieren. Und um unsere negativen Glaubenssätze erkennen zu können, muss uns ihre bestimmten Formulierungen bewusst sein: „Ich bin nicht …«“, „Ich kann nicht …“, „Ich darf nicht …“. Sie können aber auch allgemeine negative Annahmen über das Leben ausdrücken, wie etwa „Männer sind schwach“, „Beziehungen sind gefährlich“, „Streit führt zur Trennung.“
2. Verstehen
Mit Hilfe der Gefühlsbrücke können wir verstehen, wie Gefühle, die eigentlich in unsere Vergangenheit gehören, immer wieder in unsere Gegenwart hineinfunken. Dafür denken wir an eine typische Situation aus unserem gegenwärtigen Beziehungsleben, in die wir immer wieder geraten und in der sich einer unserer negativen Glaubenssätze wahr und stimmig anfühlt. Zum Beispiel eine Situation, in der wir uns von unserer Partnerin oder unserem Partner abgelehnt fühlen und die unseren Glaubenssatz „Ich genüge nicht“ bestätigt. Nun geben wir uns in unserer Vorstellungskraft mit allen Sinnen in diese Situation hinein. Wenn sich ein Gefühl einstellt, das zu dieser Situation passt, etwa Angst oder Trauer, dann reisen wir mit diesem Gefühl innerlich zu dem frühesten Zeitpunkt unserer Erinnerung. So lernen wir zu verstehen, durch welches Verhalten unserer Eltern dieses Gefühl in unserer Kindheit entstanden ist. Sinn dieser Übung ist ein tiefes Verständnis für die eigenen Prägungen und Muster zu erhalten, damit sie heute nicht automatisiert ablaufen.
3. Verändern
Eine schöne Übung hilft dabei, aus dem negativen Gefühlszustand wieder herauszukommen. Wir konzentrieren uns ganz auf den körperlich gefühlten Aspekt unseres Gefühls, also zum Beispiel bei Angst „Mein Herz klopft“ oder bei Trauer „In der Brust wird es eng.“ Und dann verbannen wir alle Bilder und Erinnerungen aus unserem Kopf, die zu diesem Gefühl gehören. Wir löschen sie, machen sie schwarz. Dabei konzentrieren wir uns ausschließlich auf das Körpergefühl und bleiben dabei. Wir werden spüren, dass es sich recht schnell auflöst. Mit dieser kleinen Vorstellungsübung können wir alle Gefühle regulieren, sie hilft sogar bei Liebeskummer.
Schenken wir unserem Schattenkind mit seiner Angst, seiner Scham und seinem Zorn keine Beachtung, wirkt es im Untergrund unseres Bewusstseins weiter und stiftet dort Unheil an, ohne dass unser Erwachsenen-Ich dies zur Kenntnis nimmt. Und in dem Fall entlädt das unliebsame, verdrängte Schattenkind seine Wut auf Nebenschauplätzen, sehr häufig in Paarbeziehungen. Die intensive Auseinandersetzung mit diesem Störprogramm, das etwa 90 Prozent unserer Beziehungsprobleme verursacht, ist für eine harmonische Partnerschaft deshalb unverzichtbar.





















