Selbstschutz

Kennst du deine Schutzmechanismen?

Wie sich unsere Psyche vor unerwünschten Empfindungen schützen will und warum uns das oft nicht gut tut.

Wenn wir fest an unsere innere Prägung glauben, also mit unserem Schattenkind unbewusst – und damit vollständig – identifiziert sind, dann streben wir danach, das Schattenkind zu verdrängen beziehungsweise uns so zu verhalten, dass wir seine negativen Glaubenssätze möglichst nicht spüren. Insbesondere sind wir bemüht, dass auch die anderen nicht merken, wie ungenügend wir uns in Wahrheit fühlen. Wir entwickeln deshalb sogenannte Schutzstrategien, die uns vor den negativen Gefühlen und Gedanken unseres Schattenkindes schützen sollen. Zu ihnen gehören u. a. Projektion und Opferdenken, Perfektions-,Harmonie- und Kontrollstreben, Rückzug und Vermeidung oder Angriff und Attacke.

Unsere Schutzstrategien stellen den Versuch dar, uns bestmöglich an das Leben und die Bedingungen da draußen anzupassen. Viele dieser Strategien haben wir schon als Kinder entwickelt, und damals waren sie sinnvoll und hilfreich, um beispielsweise mit unseren Eltern und Lehrern klarzukommen. Einige Schutzstrategien haben auch in unserem Erwachsenenleben noch einen guten Zweck, wie etwa die Verdrängung, ohne die wir nicht funktionieren könnten. Denn wären wir uns stets all der schrecklichen Dinge auf der Welt inklusive unserer eigenen Sterblichkeit bewusst, würden uns Angst- und Ohnmachtsgefühle überwältigen, so dass wir kaum noch handlungsfähig wären. Eine große Anzahl unserer Schutzstrategien sind heute aber nicht mehr angemessen und bescheren uns mehr Probleme, als sie lösen. Dabei kommt es natürlich, wie so oft im Leben, auf das Ausmaß an, in dem wir unsere Schutzstrategien anwenden.

Meister der Verdrängung

Im Grunde ist die Realitätsverdrängung die Mutter aller Schutzstrategien, weil der gesamte Selbstschutz darauf hinausläuft, die Dinge zu verdrängen, die wir nicht spüren beziehungsweise nicht wahrhaben wollen. Indem wir uns beispielsweise durch Perfektionsstreben schützen, verdrängen wir unsere gefühlte Minderwertigkeit und Versagensangst. Indem wir nach Harmonie streben und Konflikte vermeiden, verdrängen wir unsere Verlustangst usw. Wenn ich jedoch meine Probleme verdränge, dann kann ich sie nicht bearbeiten und wenn ich sie zu lange verdränge, dann kann dies zu einer Anhäufung von Problemen führen. Aus diesem Grund sind Schutzstrategien die eigentliche Ursache für die allermeisten unserer Probleme.

Wenn jemand etwa den Glaubenssatz „Ich bin nicht liebenswert“ in sich trägt und sich deswegen von anderen Menschen zurückzieht und engen Beziehungen ausweicht, dann ist die Einsamkeit, die aus seinem Rückzug resultiert, sein eigentliches Problem. Würde er hingegen mit anderen Menschen im Kontakt bleiben und ihnen erzählen, dass er denkt, er sei nicht liebenswert, dann wäre er nicht einsam, sondern in Verbindung. Es sind nicht die negativen Glaubenssätze für sich genommen, die unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und unsere Lebensgestaltung belasten, sondern die Schutzstrategien, die wir wählen, um unseren Glaubenssätzen entgegenzuwirken.

Erkenne, welches Verhalten dich schützen soll

Die meisten Probleme, die wir haben, resultieren also aus unserem Selbstschutz. Und so wie die Verdrängung eine universelle Schutzstrategie ist und somit die Grundlage für alle weiteren bildet, so gilt dies auch für die Schutzstrategie der Projektion. Projektion ist ein psychologischer Fachausdruck, der besagt, dass ich andere Menschen durch die Brille meiner eigenen Bedürfnisse und Gefühle wahrnehme. Wenn ich mich etwa unsicher und minderwertig fühle, dann kommt es oft vor, dass ich in andere Menschen eine besondere Stärke und Dominanz projiziere. Sehr häufig passiert es auch, dass wir die Erfahrungen, die wir mit unserem Vater oder unserer Mutter gemacht haben, auf unseren Beziehungspartner projizieren. Hatten wir beispielsweise eine Mutter, die sehr kontrollierend war, kann es passieren, dass wir uns sehr schnell von unserem Partner kontrolliert fühlen, weil wir ihm unbewusst unterstellen, er sei so wie die Mutter.

Um unsere wichtigsten Schutzstrategien schnell zu erkennen, sollten wir uns einfach drei Situationen aus den letzten Wochen vorstellen, in denen wir uns unwohl gefühlt haben und dachten: „Da habe ich ein Problem!” Sei es ein Konflikt bei der Arbeit, sei es eine Auseinandersetzung mit unserem Partner. Schnell werden wir bei dieser Erinnerungsübung merken, welche Gegebenheiten uns häufig Schwierigkeiten bereiten. Anhand unseres Verhaltens in den jeweiligen Situationen erkennen wir unsere Schutzstrategien deutlich, die wir am besten in ganzen Sätzen aufschreiben: „Ich gehe Konflikten aus dem Weg“ – Rückzug. Oder: „Ich eiere herum und verheimliche meine Meinung“ – Harmoniestreben. Wenn wir unsere Schutzstrategien notiert haben, liegt jener Teil unseres psychischen Programms vor uns, der uns immer wieder Probleme bereitet: unser Schattenkind.

Die zwei Gesichter des Schattenkindes

Doch Schattenkind ist nicht gleich Schattenkind. In Bezug auf unsere Schutzstrategien wird in der Psychologie folgende Unterscheidung vorgenommen:

1. Schutzstrategien von angepassten Schattenkindern

Menschen, deren Schattenkind sich (unbewusst) eher auf die Seite der Anpassung geschlagen hat, versuchen alles richtig zu machen und die Erwartungen zu erfüllen, die an sie gestellt werden. Ihre Schutzstrategien laufen darauf hinaus, sich die Nähe zu anderen Menschen zu sichern. Ihr Schattenkind hat große Angst vor dem Alleinsein und traut sich oft nicht zu, sicher auf eigenen Füßen stehen zu können. Es sucht Sicherheit in der Bindung.

2. Schutzstrategien von rebellischen Schattenkindern

Menschen, deren Schattenkind sich (unbewusst) eher auf die Seite der Autonomie und Rebellion geschlagen hat, begegnen ihren Ängsten aktiv, indem sie sich abgrenzen. Dies tun sie durch Angriff, Streit oder Verweigerung. Sie weisen zusammengefasst Schutzstrategien auf, die eher einen Abstand zu anderen Menschen herstellen. Ihr Schattenkind kann schlecht vertrauen, weshalb es für sie am sichersten erscheint, sich einzig und allein auf sich selbst zu verlassen. Ihr Schattenkind sucht Sicherheit in der Autonomie und Kontrolle.

Nur durch die Annahme des eigenen Schattenkindes, mit seinen hinderlichen Glaubenssätzen und Schutzstrategien, können wir als Erwachsene zu der Erkenntnis gelangen, dass wir heute viel bessere Möglichkeiten der Kommunikation und zum Gestalten von Beziehungen haben. Denn sobald wir Ja zu etwas sagen, lösen wir unseren inneren Widerstand auf, weil wir auf einer tiefen Ebene anerkennen, dass diese Verletzungen stattgefunden haben. Und nehmen wir diesen Teil unserer Persönlichkeit an, werden wir ganz und unserer selbst bewusst. Erst in dem Moment können unser Potential entfalten.

Weitersagen:

Der Schlüssel zu harmonischen Beziehungen

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