Alle Gefühle, auch die unangenehmen, haben einen Sinn. Sie sind ein Grundbaustein unserer Psyche und bewirken, dass wir uns als Menschen lebendig fühlen. Ohne unangenehme Gefühle hätten wir auch keine angenehmen Gefühle. Wir brauchen beide, um in Balance zu sein.
Es sind Gefilde größter Freude und zugleich Austragungsort immenser Schwierigkeiten: unsere Gefühle. Lust und Unlustgefühle sind die Basis unseres emotionalen Erlebens, gemeinsam bilden sie einen wichtigen Bestandteil unseres Motivationssystems. Wenn wir jedoch über Lust beziehungsweise Unlust sprechen, geht es in den meisten Fällen darum, dass wir bestrebt sind, uns gut zu fühlen und um seelische Schmerzen einen großen Bogen zu machen. Alte Verletzungen, tiefsitzende Ängste, Gefühle der Scham und Ohnmacht werden lieber verdrängt und aus unserem Bewusstsein ferngehalten. Dabei vollziehen wir häufig eine Art seelischer Hochleistungsakrobatik, um bestimmte Gefühle zu vermeiden. Das gelingt uns, indem wir
1. vergangene schmerzhafte Erfahrungen aus unserem Bewusstsein verbannen, und
2. potenzielle Verletzungen, die in der Gegenwart und Zukunft stattfinden könnten, vermeiden.
Wir gehen etwa einem dringend notwendigen Klärungsgespräch aus dem Weg oder drücken uns vor einem Vortrag. Bindungsängstliche Menschen lassen sich nicht auf nahe Beziehungen ein, manche schieben die notwendige ärztliche Vorsorge oder die Steuererklärung endlos vor sich her. Diese Situationen werden meist vermieden, weil sie uns Unlust bescheren. Deshalb sollten wir einmal genauer hinschauen und überdenken, welche unlustvollen Gefühle wir mit unseren Verhaltensweisen zu vermeiden versuchen. Welche Gefühle würden auftauchen, würden wir die Dinge anpacken?
Gefühle in Balance
Ist es die Angst vor einer möglichen schmerzhaften Behandlung beim Arzt oder die Sorge, bei einem Konflikt wütend zu werden und auszuflippen? Vielleicht wollen wir uns aber auch vor Enttäuschung und Zurückweisung innerhalb einer Beziehung schützen, weil wir schon wieder verletzt werden könnten, oder vor der Scham, die wir empfinden, wenn wir bei einem Vortrag den Faden verlieren. An dieser Stelle sollten wir uns bewusst machen: Das Gefühl, das wir vermeiden möchten, ist nicht beseitigt, nur weil wir es gerade nicht spüren. Es lauert in einem Versteck in unserem Inneren und brodelt vor sich hin, wodurch die Angst vor diesem Gefühl meist nur noch stärker wird.
In der Psychologie wird heute meist nur noch von unangenehmen und nicht mehr von negativen Gefühlen gesprochen, denn wir benötigen beide, um in Balance zu sein. Wenn wir nämlich ein Gefühl nicht zulassen, wenn wir ständig auf der Hut vor diesem Gefühl sind und deswegen anfangen, Situationen im Hier und Jetzt zu vermeiden, wird unser Leben anstrengend. Wir verlieren ein Stück unserer Lebendigkeit, denn sobald ein Gefühl unterdrückt wird, wirkt sich das auf andere Empfindungen aus. Unser Gefühlshaushalt gerät aus dem Gleichgewicht.
Lebendig sein bedeutet zu fühlen. Und nur wenn ich lebendig bin, kann ich aktiv sein und mein Leben mit allen Gefühlen erleben. Einen Vortrag kann man zum Beispiel auch mit Angst im Bauch halten. Es macht also Sinn, sich seinen Gefühlen zuzuwenden und sie bewusst zu empfinden. Hilfreich ist es dafür, sich das zuletzt wahrgenommene unangenehme Gefühl zu vergegenwärtigen. Was für ein Gefühl war das genau? Wir lassen es für diesen Moment zu,
ohne es zu bewerten. Wir beobachten es wie ein Forscher oder eine Forscherin.
Falls unser Gefühl zu intensiv wird, treten wir einen Schritt zurück und betrachten unser Gefühl aus der Ferne. Wir zoomen es weg, schauen uns im Raum um und machen uns bewusst, dass unser Gefühl nur eine Körperwahrnehmung im Hier und Jetzt ist, die mit unseren Erfahrungen aus der Vergangenheit zu tun hat.
Versteckte Glaubenssätze
Dieses heran- und wegzoomen können wir ein paar Mal üben. Dadurch lernen wir, dass wir unsere Gefühle fühlen können, ohne dass sie uns übermannen. Denn eigentlich ist das alles, was Gefühle wollen. Sie wollen uns nichts Böses, sie wollen uns nicht aus der Bahn werfen, sie wollen nur empfunden werden. Meinen Klienten rate ich an dieser Stelle: Spiele etwas mit deinem Gefühl, nähere dich ihm langsam und halte inne. Wie du dich gegenüber einem scheuen Tier verhalten würdest, mit dem du dich vertraut machen möchtest. Hab Geduld mit dir. Du bist auf einem guten Weg.
Ein Weg, der auch lang ist, und auf dem uns immer wieder Gefühle ins Straucheln bringen werden, die wir meinen nicht aushalten zu können. In dem Fall sollten wir prüfen, ob sich hinter diesem unaushaltbaren Gefühl ein negativer Glaubenssatz versteckt. Vielleicht haben wir Angst, zu scheitern und zu merken, dass wir es mal wieder nicht auf die Reihe bekommen haben, weil wir das sowieso schon von uns denken (möglicher Glaubenssatz: „Egal was ich mache, ich reiche nie“). Oder wir haben Angst davor, von anderen abgelehnt zu werden, wenn wir uns in die Situation begeben würden (möglicher Glaubenssatz: „Ich gehöre nicht dazu“). Wir sollten hier unsere Glaubenssätze identifizieren und uns dann bewusst machen, wie unser Glaubenssatz entstanden ist: durch negative Erfahrungen in unserer Vergangenheit.
Die Kraft der Vorstellung
Dabei sollten wir uns vor Augen führen, dass unsere Glaubenssätze Irrglauben sind und viel mehr über die Interaktionen mit unseren Bezugspersonen aussagen als über unsere Person. Deshalb ist es entscheidend, die Vergangenheit von der Gegenwart zu trennen. Heute sind wir erwachsen und müssen nicht mehr an unseren Glaubenssätzen festhalten. Um unsere Gefühlswelt zu verändern und zu verbessern, sollten wir unseren veralteten Glaubenssatz durch einen neuen, passenden und positiven ersetzen. Wir sollten hier aber darauf achten, dass der neue Glaubenssatz nicht einfach das Gegenteil von unserem alten Satz ist. Denn häufig können wir uns das nicht glauben. Es sollte eine Überzeugung sein, die wir annehmen können und die sich für uns stimmig anfühlt.
Jetzt bitte ich meine Klienten sich vorzustellen, wie ihr neuer Glaubenssatz sie in der Situation begleitet, der sie ursprünglich aus dem Weg gehen wollten:
- Spür dein neues Körpergefühl, spür deine angenehmen Emotionen, wenn du deinen neuen Glaubenssatz fühlst.
- Male dir aus, wie du die Situation mit diesem neuen, erwachsenen Mindset angehst. Vielleicht spürst du neben diesen neuen Gefühlen im Hintergrund noch etwas Unsicherheit oder andere unangenehme Gefühle, die sein dürfen, weil sie dich nicht mehr bestimmen.
- Überlege: Wenn dein neuer Glaubenssatz, zum Beispiel „Ich bin liebenswert“ für dich wahr und wirksam ist, wie würdest du nun reagieren? Welche neuen Verhaltensweisen erschließen sich dir?
Generell hilft es sehr, das Vorstellungsbild zu verändern. Wir sollten deshalb eine bevorstehende Situation und die Beteiligten im schönen Sonnenlicht visualisieren, mit wohltuenden Farben, angenehmen Düften, beruhigenden Geräuschen usw.. Das innere Bild, das wir uns von einer vermeintlich bedrohlichen Situation machen, besteht schließlich nur aus unseren Gedanken, die wir positiv verändern können. Und plötzlich fällt es uns auch nicht mehr so schwer, unsere Verletzlichkeit zuzulassen. Wissen wir doch nun, dass sie uns erst lebendig werden lässt.




















