Ob in der Partnerschaft, in der Familie, im Freundeskreis oder im Job – Vertrauen ist die Grundlage für Beziehungen. Schließlich können wir uns einer Person nicht nah fühlen, von der wir annehmen, dass wir uns auf sie nicht verlassen können. Wie Vertrauen entsteht und wodurch sich dieses Gefühl stärken lässt.
Ein wichtiger Faktor für Lebenszufriedenheit sind Beziehungen zu anderen Menschen, denn unser Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit ist existenziell. Schließlich hat Einsamkeit vor Urzeiten den Tod bedeutet, weshalb wir alle bewusst oder unbewusst ständig nach Anschluss an eine Gemeinschaft suchen. Dabei findet Bindung über Gefühle statt, und Vertrauen ist eine der wichtigsten Grundzutaten für ein gutes Bindungsgefühl. Doch vertraue ich darauf, dass andere mich akzeptieren und respektieren und dass sie für mich da sind, wenn ich sie brauche? Oder gehe ich davon aus, dass andere mich ablehnen, mich allein lassen oder mir sogar schaden werden?
Vertrauen ist der Glaube oder die Annahme, dass man sich auf jemanden oder auf etwas verlassen kann. Es wird auch als hoffnungsvoller Vorschuss hinsichtlich bestimmter Erwartungen beschrieben, und in einer Welt voller Unsicherheiten und Ungewissheiten ist es keine so selbstverständliche Sache, dass unsere Erwartungen erfüllt werden. So wundert es mich nicht, dass die Ergebnisse einer aktuellen Ipsos-Umfrage auf eine weitverbreitete Vorsicht im zwischenmenschlichen Miteinander hindeuten. Auf die Grundsatzfrage, ob man den meisten Menschen vertrauen könne oder ob man im Umgang mit anderen nicht vorsichtig genug sein könne, antwortet nämlich knapp die Hälfte der Befragten (46 %), man könne nicht vorsichtig genug sein.
Eine Frage der Prägung
Das Maß an Vertrauen wird von Geburt an durch gemachte Erfahrungen beeinflusst, weil sich das Gehirn dementsprechend entwickelt. Wenn ich als Kind die Erfahrung mache, Mama und Papa freuen sich, dass es mich gibt, dann verschaltet sich das Gehirn, über hormonelle und neurobiologische Prozesse, entsprechend. Und ganz tief entsteht ein Urvertrauen, dass es da draußen Menschen gibt, denen ich vertrauen kann. Die ersten zwei Lebensjahre sind dafür sehr entscheidend, denn in dieser Zeit erfährt das Gehirn des Kindes eine nachhaltige Prägung, wie die Beziehung mit anderen Menschen grundsätzlich abläuft.
Die Prägung eines Kindes mit einer sicheren Bindung besagt etwa:
- Ich bin okay, andere Menschen sind auch okay und man kann sich auf die Welt da draußen im Großen und Ganzen verlassen.
Die Prägung eines Kindes mit einer unsicheren Bindung ist bestimmt durch die Annahme: - Ich bin nicht wichtig, andere Menschen sind nicht vertrauenswürdig und was ich bekomme, kann schnell wieder verloren gehen.
Dabei hat ein schlechtes Selbstwertgefühl immer Auswirkungen auf unsere Bindungen, denn nehme ich mich als unwichtig oder uninteressant wahr, fällt es mir schwer zu glauben, dass mein Gegenüber mich spannend und sympathisch findet. Es gibt kein Fremdvertrauen ohne Selbstvertrauen.
Wenn Klientinnen oder Klienten von mir ihren Selbstwert nicht mehr erkennen können und ihre Erwartungshaltung gegenüber anderen Menschen entsprechend niedrig ist, bitte ich sie, sich Folgendes einmal vorzustellen: Wie sähe ihr Leben aus, wenn sie ihre negativen Glaubenssätze ins Positive umkehren könnten. Wie würden sie sich fühlen und wie würden sie handeln, könnten sie denken „Ich bin interessant“ statt „Ich bin langweilig“? Einfach mal ausprobieren. Vielleicht sind wir nicht davon überzeugt, über uns „Ich bin interessant“ zu sagen. Aber wir können uns anfreunden mit: „Es gibt langweiligere Menschen als mich.“
Wie unser Gehirn lernt
Es sind nicht allein die als Erinnerungen abgespeicherten vergangenen Erfahrungen, die unsere Wahrnehmung beeinflussen. Das gleiche trifft auf alle neuen Informationen zu, die unser Gehirn aufnimmt. Indem wir Informationen in unserem Gedächtnis abspeichern, lernen wir, und alles neu Erlernte prägt und verändert gegebenenfalls unsere zukünftigen Reaktionen. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Information von unserem Gehirn abgespeichert wird und wir sie uns merken, am größten, je öfter wir sie dargeboten bekommen.
Jedes Mal also, wenn wir eine positive Beziehungserfahrung machen, kann dies unseren, durch die Kindheit geprägten misstrauischen Bindungsstil in die andere Richtung verändern. Unser Gehirn lernt Vertrauen, weil es eben wandelbar ist.
So ist eine Variante der Vertrauensbildung die Gewöhnung. Das soll nicht bedeuten, dass wir uns an ständige Vertrauensbrüche gewöhnen sollen, schon aber an Dynamiken erwachsener Beziehungen. Und für die gilt:
- Nicht immer ist das reibungslose und harmonische Miteinander die Basis des Vertrauens, sondern die Fähigkeit, sich wieder aufeinander einzustimmen, wenn es zu vorübergehenden Problemen oder Störungen gekommen ist. Denn Beziehungen halten Konflikte aus.
- Ich vergleiche das gerne mit einem Tanz. Wichtig beim Tanzen ist nicht, dass wir keine Fehler machen, sondern dass wir uns nach einem Patzer wieder aufeinander einstimmen und den gemeinsamen Rhythmus finden. Je besser wir jeweils auf den individuellen Tanzstil des anderen eingehen, desto harmonischer gelingt das Tanzen und umso vertrauensvoller erleben wir die Bindung.
Der Zukunft eine Chance geben
Ein weiteres Kriterium, welches Lernen enorm erleichtert, sind Emotionen. Erlebnisse, die entweder besonders schön oder besonders schrecklich sind, merken wir uns am besten. Leider hat unser Gehirn die schlechte Angewohnheit, sich deutlich mehr auf die Probleme und Baustellen in unserem Leben zu konzentrieren als auf die Dinge, die gut laufen. Es ist also kein Wunder, dass wir mit dieser Konfiguration unseres Gehirns schnell Vertrauen verlieren oder uns aus Angst, verletzt zu werden, gar nicht erst auf eine Beziehung einlassen. Dabei müssten wir unsere Aufmerksamkeit nur öfter mal auf erfreuliche Begegnungen lenken, damit unser Gehirn abspeichern kann, wie schön ein vertrauensvolles Miteinander doch ist. Auch wenn wir aufgrund unserer negativen Glaubenssätze von dem Gegenteil überzeugt sind.
Aus Glaubenssätzen leiten wir Lebensregeln ab, Regeln darüber, wie wir uns zu verhalten haben, um Gutes erwarten zu können. Ich empfehle an dieser Stelle, für einen Moment die Augen zu schließen und sich vorzustellen, man würde diese Lebensregeln nicht mehr befolgen. Was würde man stattdessen tun? Am besten wir stellen uns hierfür eine konkrete Situation vor, in der wir die alten Regeln typischerweise anwenden, und spielen uns einen neuen Film vor unserem inneren Auge ab. Wie könnten wir uns anders verhalten und welche Auswirkungen hätte das vielleicht für unsere eigene Vertrauensfähigkeit? Jeder neue Film, in dem wir vertrauensvoller durchs Leben gehen, ist ein guter Film.
Dass dies keine leichte Übung ist, erfahre ich in zahlreichen Therapiestunden. Denn sind wir in unseren Erwartungen zu oft enttäuscht worden, gelangen wir in der Regel halt zu der Einsicht, dass wir, im Umgang mit anderen, nicht vorsichtig genug sein können. Vertrauen geht nicht ohne Grund verloren. Doch unsere Zukunft kann und weiß nichts von unserer Vergangenheit. Sie verdient es, dass wir ihr eine faire Chance und einen Vertrauensvorschuss geben.




















