Längst nicht alle Gefühle sind gute Berater. Doch besonders dann, wenn unsere Gefühle sehr intensiv sind, übernehmen sie gern das Steuer über unser Denken und unsere Handlungen. Je bewusster wir uns unserer alten Prägungen und der damit einhergehenden Emotionen sind, desto leichter erkennen wir, ob das Gefühl berechtigt ist oder aus unserem Schattenkind herrührt.
Laut Duden ist das Fühlen eine Empfindung des Menschen, die seine Einstellung und sein Verhältnis zur Umwelt mitbestimmt. Es ist die Fähigkeit, etwas emotional zu erfassen. Aber ist mein Gefühl der Situation oder dem Problem angemessen? Ist meine Emotion hilfreich, um mein Problem zu lösen? Oder führen meine Gefühle dazu, dass ich noch mehr Probleme habe? Wenn ja, welche?
Die meisten von uns werden sich diese Frage schon mehrfach gestellt haben, und zwar immer dann, wenn wir der Meinung sind, dass unsere Gefühle übertrieben oder nicht passend gewesen sind, dass wir zu viele, zu wenig oder einfach die falschen Emotionen zugelassen haben. Egal ob es sich dabei um Ärger, Aggressionen, Trauer, Angst oder Unsicherheit handelt. Und direkt machen sich weitere unangenehme Gefühle in uns breit, vielleicht schämen wir uns, vielleicht fühlen wir uns schuldig oder sind wütend auf uns. Dabei haben unsere Gefühle auch dann einen triftigen Grund, wenn wir sie als unangemessen wahrnehmen. Dann nämlich entspringen sie meist unseren vergangenen Erfahrungen und den damit einhergehenden kindlichen Prägungen.
Können Eltern beispielsweise nicht mit Wut umgehen, lernt ein Kind früh, seine Wut zu unterdrücken. Gab es Emotionen, die bei uns zu Hause nicht gern gesehen oder untersagt waren, vielleicht sogar bestraft wurden? Welche Gefühle konnten wir zeigen und welche konnten wir nicht ausleben? Für welche Gefühle gab es vielleicht keinen Platz, weil unsere Eltern so belastet waren mit ihren eigenen Gefühlen? All diese Gefühle stellen zentrale Kindheitsemotionen dar, und ob wir sie nun als Kind besonders stark erlebt und zunächst auch ausgelebt haben oder ob wir gelernt haben, sie schnell herunterzuschlucken und in uns zu verbergen – sie können auch in gegenwärtigen Situationen in uns ausgelöst werden, in denen sie unangebracht erscheinen. Wir Psychologen sprechen an dieser Stelle von maladaptiven Gefühlen.
Verzeih dir!
Maladaptiv ist ein Gefühl immer dann, wenn es nicht zu der Situation passt oder und wenn das Gefühl zu stark oder auch zu schwach ausfällt und somit nicht dazu führt, dass die eigentlich dahinter liegenden adaptiven Bedürfnisse befriedigt werden. Ein Beispiel dafür ist, wenn ich Liebesgefühle kaum zulasse, obwohl ich in einer gut laufenden Beziehung bin und ich mir auch eigentlich eine Beziehung wünsche. Maladaptive Gefühle führen zu maladaptiven Handlungen, und die entsprechenden Emotionen wie auch die Verhaltensweisen bewirken oftmals das Gegenteil von dem, was man sich eigentlich wünscht.
Für die Selbstheilung ist es wichtig, sich für maladaptive Gefühle nicht zu verurteilen, sondern Verständnis für die eigene Gefühlslage zu entwickeln. Denn wir verhalten uns so, weil wir uns schützen wollen. Auch wenn im Hier und Jetzt vielleicht keine wirkliche Gefahr droht – das Schattenkind in uns nimmt die Gegenwart verzerrt wahr und fühlt sich nicht sicher. Daraus entstehen die meisten nachteiligen Verhaltensweisen. Das sollten wir uns bewusst machen und uns dafür verzeihen. Sich hinter Schuldgefühle oder Selbstmitleid zu verstecken, bringt keinem etwas. Nehmen wir also unsere Verhaltensweisen, genau wie unsere Gefühle, an und übernehmen die Verantwortung für uns.
Es geht um Selbstschutz
Was müsste ich dafür tun, um Verantwortung zu übernehmen. Müsste ich mich bei jemandem entschuldigen oder müsste ich vielleicht anderen meine Verhaltensweisen erklären? Müsste ich mich mehr abgrenzen und sagen, was ich denke? Oder müsste ich mich noch mehr mit mir selbst beschäftigen und mich reflektieren? Wenn wir uns maladaptiv verhalten, greifen wir meistens auf die immergleichen Selbstschutzstrategien zurück, die wir häufig schon in der Kindheit erworben haben. Dabei geht es um Selbstschutz im Dienste von Bindung und Autonomie.
Bindung und Autonomie stellen nicht nur zwei unserer psychischen Grundbedürfnisse dar, sie spielen außerdem eine zentrale Rolle in unseren sozialen Interaktionen, also unserem Verhalten. Wer auf der Seite der Bindung steht, wird eher angepasstes oder sogar überangepasstes Verhalten zeigen. Überangepasste sagen nicht, was sie eigentlich denken und wollen, schlucken ihre Wut so lange runter, bis sie aus ihnen herausplatzt, begeben sich in die Opferrolle, können nicht Nein sagen und strengen sich sehr an, um den Erwartungen des anderen zu entsprechen
Wer auf der Seite der Autonomie steht, wird sich eher abgrenzen und sich um seine Freiheit bemühen. Überabgegrenzte wollen keinen Kompromiss eingehen, sehen sich selbst stets im Recht, sie mauern und machen dicht, wollen sich nicht festlegen, suchen die Schuld beim
Anderen, provozieren oft Streit und stellen die eigenen Bedürfnisse an erste Stelle.
Den roten Faden entdecken
Wenn wir nun festgestellt haben, dass wir beide Verhaltensweisen nutzen, sollten wir doch einmal genau hinschauen. Bei welchen Personen oder unter welchen Umständen nutzen wir welche Strategie? Was haben diese Personen oder Umstände miteinander gemein? Erkennen wir unser Muster? Die Logik hinter dem eigenen Verhalten zu verstehen und den roten Faden zu entdecken, ist der erste Schritt auf dem Weg zu mehr Wahlfreiheit.
Hier empfehle ich sowohl meinen überangepassten als auch meinen überabgegrenzten Klienten vier hilfreiche Maßnahmen:
- Nimm deine Gefühle wahr und beobachte sie mit etwas Distanz.
- Identifiziere unangemessene Gefühle, die aus deinen negativen Glaubenssätzen (Schattenkind) resultieren.
- Ersetze den negativen Glaubenssatz durch einen positiven und spüre, wie deine Emotion sich ebenfalls angenehm verwandelt. Gib dem angenehmen Gefühl viel Raum in deinem Körper.
- Betrachte die Situation mit deinem positiven Glaubenssatz und deinem angenehmen Gefühl aus der Distanz, begib dich also in die Beobachterposition. Stell dir vor, du bist dein eigener Coach: Was wäre ein angemessenes, konstruktives Verhalten?
Generell bitte ich meine Klienten, in ihrem Alltag auf ihre Gefühle zu achten und wahrzunehmen, wann sie ihre Emotionen unterdrücken oder in unangemessener Art ausleben. Es geht darum, seinen Gefühlen Raum zu geben, ohne sich mit ihnen direkt zu identifizieren. Denn eines sollten wir immer bedenken: Es ist nicht die Situation als solche, die die Gefühle in uns erzeugt, sondern es sind unsere Gedanken in Form von Interpretationen, mit denen wir die Situation bewerten. Wir reagieren also auf unsere Gedanken.
Und genau hier haben wir einen Entscheidungsfreiraum. Hier können wir überprüfen, ob unsere Gedanken der Situation angemessen sind, indem wir uns ertappen und umschalten. Interpretieren wir die Situation durch unsere Schattenkindaugen? Fühlen wir uns zum Beispiel unterlegen und reagieren deswegen wütend, ängstlich oder blockieren unsere Gefühle? Dann sollten wir unsere Wahrnehmung korrigieren und uns wieder auf Augenhöhe begeben.




















