Selbstbewusstsein, Selbstwert

Ich entscheide mich für meine Stärken

Unser Urvertrauen oder Ur-Misstrauen entwickelt sich in den ersten zwei Lebensjahren, während einer mentalen Entwicklungsphase also, an die wir uns nicht erinnern können. Erkennen wir später aber, wie unser Gehirn geprägt ist, können wir selbst in die Verantwortung gehen und wenig förderliche Verhaltensmuster aktualisieren.

„Alles wird gut, posaunt das Positive Denken. Alles ist gut, flüstert das Urvertrauen.“ Als ich letztens auf dieses Zitat des psychologischen Beraters Andreas Tenzer stoße, kommt mir meine Klientin Nicola in den Sinn. Sie hatte mir in unserem letzten Therapiegespräch erzählt, dass es sie so aufregen würde, wenn KollegInnen sie mit „Hi Nicola, alles gut?“ begrüßen. Ich fragte sie, was denn an dieser Begrüßung so ärgerlich sei, und sie antwortete: „Bei mir ist nie alles gut, was soll also diese Frage?“

Alles ist gut. Natürlich entspricht das nicht immer unseren tatsächlichen Lebensbedingungen. Verfügen wir aber über ein starkes Urvertrauen, werden wir auch in schwierigen Zeiten eine Stimme tief in unserem Inneren vernehmen, die uns sagt, dass die Welt grundsätzlich gut ist. Und dass wir in unserem Leben auf unsere Stärken vertrauen können, auch wenn es gerade nicht danach aussieht. Nicola kann diese Stimme nicht hören, denn sie bräuchte Urvertrauen, um sich für das Vertrauen in ihr Leben entscheiden zu können. Das ist eine tiefe Prägung, für die unsere ersten drei Lebensjahre sehr wichtig sind, denn in dieser Zeit entsteht im Gehirn des Kindes eine mentale Landkarte, wie die Beziehung mit anderen Menschen grundsätzlich abläuft. Sie gibt Antworten auf die Fragen:
1. Kann ich darauf vertrauen, dass andere Menschen für mich da sind?
2. Welchen Einfluss kann ich auf Beziehungen nehmen?
3. Was bin ich wert?

Erkenne deine Prägungen

Urvertrauen ist verknüpft mit dem Selbstwerterleben und damit einhergehend mit dem Bindungsstil des Kindes. Kinder, die Urvertrauen erworben haben, weil sie die Erfahrung machten, dass sie sich auf ihre Mutter und ihren Vater verlassen können und diese ihre Bedürfnisse befriedigen, weisen einen sicheren Bindungsstil auf. Ihre mentale Landkarte lautet etwa: Ich bin okay, andere Menschen sind auch okay. Man kann im Großen und Ganzen Vertrauen in das Leben haben. Die mentale Landkarte eines Kindes mit einem erworbenen Ur-Misstrauen und einer damit einhergehenden unsicheren Bindung ist geprägt durch die Annahme: Ich bin nicht wichtig. Andere Menschen sind nicht vertrauenswürdig und was ich bekomme, kann schnell wieder verloren gehen. Solch eine Landkarte bestimmt das Denken, Wahrnehmen und Verhalten von Nicola.

Der Entwicklungspsychologe Jerome Kagan sagt in diesem Zusammenhang: „Es stimmt, dass das, was in den ersten drei Lebensjahren passiert, sehr wichtig ist. Aber genauso wichtig ist, was in den nächsten drei Jahren passiert. Und so weiter.“ Mein Rat an Nicola lautet deshalb: Erkenne deine Prägungen. Denn die Annahme, dass man allein so, wie man ist, nicht genüge, resultiert aus unserem Schattenkind. Jenem dunklen Teil unseres Selbstbildes, der eigentlich nur eine Verinnerlichung unserer negativen kindlichen Erfahrungen repräsentiert, die wir im Umgang mit unseren Bezugspersonen gemacht haben. Aber wir sind nicht mehr das verletzliche und abhängige Kind von damals und sollten uns deshalb von diesen Erfahrungen und den Botschaften, die wir von unserem Umfeld erhalten haben, lösen. Und uns klarmachen, dass wir nicht aus der Summe der äußeren Wahrnehmung, Maßstäbe und Bewertungen bestehen. Wir sind viel mehr als das.

Wir dürfen stolz auf uns sein

So wie Nicola fällt es vielen Menschen schwer, sich selbst wohlwollend und freundlich zu betrachten. Besonders dann, wenn sie es nie gelernt und durch ihr Umfeld anders erlebt haben. Häufig wird auch das Argument angebracht, nicht überheblich sein zu wollen. An dieser Stelle möchte ich gerne zwei Gedanken ausführen, die mich in meiner therapeutischen Arbeit ständig begleiten:

1. Selbstwertschätzung ist eine essenzielle Grundzutat für unser psychisches Grundbedürfnis nach Selbstwert. Jeder Mensch hat also das Recht dazu. Selbstwertschätzung bedeutet nämlich nicht, dass wir keine Schwächen und Fehler haben, sondern dass wir Mensch sind – mit positiven und negativen Anteilen. Schauen wir uns unsere Ressourcen also noch einmal an und versuchen uns dabei innerlich zuzunicken. Wir können stolz auf uns sein und dürfen das auch zeigen. Dürfen richtig schwelgen in diesem Zustand und angenehme Gefühle in uns groß werden lassen.

2. Zweifeln Klientinnen oder Klienten von mir an ihrer Selbstwirksamkeit, sollen sie sich immer bewusst machen, dass diese Zweifel nicht auf Tatsachen beruhen. Sie sind nicht der heilige Gral. Vielmehr spiegeln sie, was man in seiner Vergangenheit erlebt hat. Kinder haben ein Recht darauf, die Erfahrung zu machen, dass sie, so wie sie sind, gut sind; dass ihre Bedürfnisse wichtig sind, sie mitbestimmen und Einfluss nehmen dürfen auf ihr Umfeld. Viele haben diese Erfahrung jedoch nicht machen dürfen. Zu jenen sage ich nachdrücklich: Du hast eine Wirkung, auch, wenn es sich für dich damals wie heute manchmal anders anfühlen mag. Heute darfst du an dich glauben, auch wenn dir dein Gefühl etwas anderes sagt. Denk immer daran: Deine Gefühle sind ein Resultat deiner Erfahrungen.

Wir haben alle die Tendenz, die Ur¬sachen für empfundenes Unglück in der Außenwelt zu verorten, insbesondere im Verhalten der anderen. Tatsächlich sind sie dort jedoch eher selten zu finden. Nur wenn wir unsere unbewusst ablau¬fenden inneren Programme verstehen lernen, können wir Vertrauen entwickeln und uns für unsere Stärken entscheiden. Deshalb ermutige ich Nicola immer wieder zu einem persönlichen Rückblick. Und wenn sie erkennt, dass bestimmte Verhaltensmuster ihren Ursprung in ihrer Kind¬heit haben, möge sie da¬rüber nachdenken, ob das Muster noch sinnvoll ist oder ob sie nicht besser ihre Strategie verändern und aktualisieren sollte. Denn die Bereitschaft zu vertrauen, wird aus den eigenen Erfahrungen gespeist, jeden Tag aufs Neue. In Nicolas Fall kann da schon ein Lächeln als Reaktion auf einen Morgengruß den Unterschied ausmachen.

Weitersagen:

Mobbing stoppen: Erkenne ungesunde Dynamiken und stärke dich selbst
Wie sieht mich die Welt?
Über die Kraft der Beachtung

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